Startseite | Kontakt | PDF-Dokumente | Forum | Sitemap | Referenzen

Azubis und Milieu

Die Jugend als einheitliche Gruppe mit gemeinsamen Interessen und einer gemeinsamen Kultur gibt es nicht mehr gibt. Lebenslagen und Lebensstile sind ein breit differenzierte Palette geworden.

Dennoch werden in unserer Gesellschaft zumeist zwei Gruppen konstituiert: Lehrlinge, junge FacharbeiterInnen, Berufstätige ohne Abitur und bildungsfernen Milieus und SchülerInnen/StudentInnen und Berufstätige aus bildungsnahen Milieus.

Die Gruppe der Lehrlinge und jungen FacharbeiterInnen werden zumeist den konsummaterialistischen und hedonistischen Milieus zugeordnet (einige wenige auch dem traditionellen Milieu) - schwerpunktmäßig soll es diesem um materielle Gratifikationen, Selbstverwirklichung im Konsum und öffentliche Sicherheit gehen -;die Gruppe der SchülerInnen und Studierenden werden tendenziell eher psotmodernen, experimentellen und modern performten Milieus zugerechnet, die Selbstverwirklichung als eine Entwicklung des eigenen, authentischen Selbst, möglichst frei von entfremdenden Einflüssen, begreifen. In der aktuellen gesellschaftlichen Situation differenzieren sich diese beiden Gruppen vordergründig über ihre alltagsästhetischen Praktiken, ihre Einstellung zur Zuwanderung, ihre Einstellung zum Ordnungsstaat und zur Demokratie, ihre Wahrnehmungsweise politischer Kommunikation und ihre Präferenz für politische Stilistiken und Inhalte.

Betrachten wir die Gruppe der Lehrlinge und jungen FacharbeiterInnen, so sehen wir eine relativ unkritische Orientierung an massenkulturellen Angeboten. Man will einen besonderen Status erreichen, indem man sich stark an vorgegeben jugendkulturellen Gruppenstilen orientiert. Die Geschlechterrollen werden relativ traditionell interpretiert. Die Zuwanderung ist das wichtigste politische Thema. Probleme, die durch Zuwanderung entstehen, sollen durch ordnungsstaatliche Maßnahmen, die die Zurückdrängung des "Fremden" zum Ziel haben, gelöst werden. Der Staat ist in erster Linie Service-Staat. Staatliches Handeln wird aus einer technokratischen Perspektive betrachtet.

Politik, Religion und gesellschaftliche Verantwortung geraten hauptsächlich dann in den Fokus des Lebens, wenn es individuellen Krisen zu begegnen und persönliche Probleme zu lösen gilt. Der Idealzustand des Lebens besteht darin, das alles so läuft, dass man die Politik und ihre Hilfen und Maßnahmen möglichst wenig braucht.

Wenn doch diese, dann sollte sie unterhaltsam sein, sich konfrontativ und burschikos inszenieren und von attraktiven, interessanten Personen getragen werden. Der Lifestyle von Symbolfiguren ist oft wichtiger als die politischen Inhalte. Wenn Inhalte, dann einfache und klare Botschaften im passenden Lifestyleoutfit.

Die Gruppe der SchülerInnen und StudentInnen inszeniert einen (post-)modernen Individualismus, der stark von der symbolischen Abgrenzung vom Massengeschmack lebt. Mann und Frau wollen etwas besonderes sein, indem sie etwas anderes tun als die breite Masse. Ein eigenständiger Musik- und Bekleidungsgeschmack hat große Relevanz. Wichtig ist auch, dass gesellschaftliche Traditionen und politische Inhalte kritisch hinterfragt werden. Zuwanderung wird als kulturelle Bereicherung gesehen. Vielfach orientiert man sich am Ideal einer multikulturellen Gesellschaft. Die politische Überzeugung hat viel mit einem Grundbekenntnis zur kulturellen Pluralität zu tun. Politik wird als Teilnahme und Teilhabe der BürgerInnen am Staat gedeutet. Idealer PolitikerInnentypus ist eher ein differenziert argumentierender Intellektueller, ein postmoderner Kulturmensch mit Ironie, Humor, aber auch einem Hang zu Selbstinszenierung und (post-)moderner Selbststilisierung.

Themen Auszubildender

Es gibt drei wichtige Jugendthemen. An der Spitze und absolut am relevantesten für das politische Entscheidungsverhalten ist das Thema Migration/Asyl. Die polarisierenden Gruppen, Lehrlinge/Berufstätige auf der einen und SchülerInnen und StudentInnen auf der anderen Seite, stellen beide das Migrationsthema in den Mittelpunkt ihres politischen Interesses, leiten aber völlig konträre Überzeugungen und Konsequenzen aus der Thematik ab. Während die Lehrlinge und Berufstätigen großteils eine restriktive Migrationspolitik fordern, vertreten SchülerInnen und StudentInnen das Ideal einer multikulturellen Gesellschaft.

Arbeit/Arbeitslosigkeit ist das zweitwichtigste Thema. Auch hier ist die Herangehensweise in den beiden Gruppen sehr unterschiedlich. Während Lehrlinge und Berufstätige die Arbeit primär als rein materielle Notwendigkeit betrachten und Selbstverwirklichung primär außerhalb der Arbeitswelt in den kommerziellen Freizeiterlebniswelten verortet, ist die Gruppe der Bildungsprivilegierten stärker auf Selbstverwirklichung in der Arbeit aus. Dies bedeutet, dass unterprivilegierte Jugendliche Arbeit vielfach als ein von ihren Interessen abweichendes, entfremdetes Geschehen wahrnehmen. Den wahren Sinn des Lebens suchen sie in der kommerziellen Erlebnisgesellschaft. Im Gegensatz dazu treten die bildungsnahen Schichten mit hohen Selbstverwirklichungsansprüchen an die Arbeitswelt heran, die teilweise an der Realität des Möglichen scheitern.

Das dritte Thema, Bildung und Ausbildung, trennt ebenfalls die Milieus. Während sich die unterprivilegierten Jugendlichen im Bereich der Bildung und Ausbildung fast ausschließlich aus dem völlig pragmatischen Motiv des praktischen Nutzens am Arbeitsplatz sehen, geht es bei den Bildungsschichten vermehrt um das "authentische Ich", das sich im Bildungprozess selbst entdeckt und weiterentwickelt.

Während bildungsferne Milieus zum Teil extrem ablehnend auf gesellschaftliche Fragen im allgemeinen reagieren, zeigt die überwiegende Mehrheit der bildungsnahen Jugendlichen eine positiv-zustimmende Grundhaltung. Hier fallen häufig Aussagen wie "Politik ist sehr wichtig und die Leute sollten sich mehr damit beschäftigen". Während Lehrlinge und Berufstätige häufig von der Politik total entfremdet scheinen und dort nur Skandale, Korruption und sinnlosen Streit sehen, sieht die überwiegende Mehrheit der bildungsprivilegierten Schichten nicht nur das Negative der Politik, sondern vor allem auch die positive Chance, durch aktive Teilnahme am politischen Geschehen das Gemeinwesen mitgestalten zu können.